DIE KUNST DER NÄCHSTENLIEBE

Mit seiner preisgekrönten Hauptdarstellerin Agnès Jaoui kann der französische Regisseur Gilles Legrand einiges riskieren. Sie verhindert, dass die Gratwanderung seiner raffinierten Tragikomödie über das „Helfersyndrom“ ins Zynische abgleitet und die Macht der Vorurteile zementiert, statt sie zu entlarven.

Nicht umsonst hat die wunderbare Autorin und Filmemacherin zusammen mit ihrem Partner Jean-Pierre Bacrí die französische Sittenkomödie mit schlagfertigen Spitzfindigkeiten und einem Röntgenblick auf menschliche Eitelkeiten und Schwächen wiederbelebt. Mit bewundernswerter Präsenz und selbst ironischem Blick sorgt die 55jährige dafür, dass der Beifall nicht aus dem falschen Lager kommt.

Die 50jährige Isabelle (Agnès Jaoui) engagiert sich unermüdlich. Sie hilft bei gemeinnützigen Einrichtungen, rennt von der Kleiderspende zur Suppenküche und verteilt in Obdachlosen-Camps Handzettel, um Migranten für ihren kostenlosen Sprachkurs zu gewinnen. Leider landen ihre Flyer nicht selten zum Aufwärmen in den Feuertonnen. Doch davon lässt sich die Pariserin nicht entmutigen. In ihrem Sprachkurs versucht sie ihren Schützlingen so gut wie möglich zu helfen.

Zuhause freilich hängt der Haussegen schief. Vor allem ihre Tochter Zoé ist genervt, dass ständig Kleider von ihr verschwinden, um Bedürftige zu versorgen. Sie will nicht ständig hören, wie privilegiert sie lebt im Gegensatz zu den Flüchtlingen. Und selbst Ehemann Adjin (Tim Seyfi), ein ehemaliger bosnischer Flüchtling, der sich mithilfe von Isabelle zum Versicherungsagent hochgearbeitet hat, ist es leid. Einst lernten sich die beiden während des Jugoslawienkriegs kennen und lieben. Isabelle leistete in den Kriegsgebieten als NGO Freiwilligenarbeit.

Besonders vor Weihnachten ist die Situation angespannt. Denn die „sinnlose Geschenkorgie“ will Isabelle auf keinen Fall unterstützen. Beim gemeinsamen Essen mit ihrem Bruder und seiner Frau entlarvt Isabelle auch noch scharfzüngig deren unterschwelligen Rassismus. Als die Schwägerin gedankenlos von ihrer Putzfrau, als „einer kleinen Monegassin“ schwärmt, hakt sie nach. „Wieso denn kleine? Ist sie Zwergin?“, fragt sie ungeniert in die Runde.